Ferat Koçak
Ferat Ali Koçak (* 26. Mai 1979[1] in West-Berlin) ist ein deutscher Politiker (Die Linke) und seit Oktober 2021 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Bei der Bundestagswahl 2025 gewann er das Direktmandat im Wahlkreis Neukölln. Somit ist er der erste Politiker der Linken, der einen Wahlkreis außerhalb der ehemaligen DDR gewann.
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Leben
BearbeitenKoçak wuchs in Berlin als Enkelkind kurdischer Gastarbeiter aus Anatolien auf.
Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der FU Berlin und schloss das Studium als Diplom-Volkswirt ab. Im Anschluss war Koçak zunächst als Trainee und dann nach erfolgreichem Abschluss der Prüfung im Management für die Allianz-Gruppe tätig. Danach arbeitete er als Marketing Director mit dem Schwerpunkt Digitales Marketing an der Berlin International University of Applied Sciences (BAU), sowie an der Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur (htwk) und der Internationalen Berufsakademie (iba), später als Campaigner bei Campact.
Politik
BearbeitenDurch seine Eltern wurde Koçak in Berliner linken kurdischen und türkischen Kreisen sozialisiert. Der Anlass seines Eintritts in die Linkspartei im Jahr 2016 war das Erstarken rechter Gruppierungen, insbesondere der Partei AfD, deren Bekämpfung er und seine Freunde unterstützen wollten. Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 2016 kandidierte Koçak für die Partei Die Linke im Wahlkreis Neukölln 6. Dabei gelang es ihm, die Stimmanteile für seine Partei im Verhältnis zu den letzten Wahlen zu verdoppeln. Er verfehlte dennoch den Einzug ins Abgeordnetenhaus.
Abgeordneter
BearbeitenBei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 2021 kandidierte er im Wahlkreis Neukölln 5. Er wurde über die Landesliste der Linken in das Abgeordnetenhaus gewählt. Bei der Wiederholungswahl 2023 zog er erneut ins Abgeordnetenhaus ein.
Koçak ist Sprecher für die Fraktion zu den Themenfeldern antifaschistische Politik sowie Flucht- und Klimapolitik. Er ist Mitglied der Ausschüsse für Inneres, Sicherheit und Ordnung sowie Umwelt- und Klimaschutz. Er ist stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Verfassungsschutz.[2] Außerdem ist er Beisitzer des Präsidiums des Abgeordnetenhauses.[3]
Zur Bundestagswahl 2025 trat er als Direktkandidat für Die Linke Berlin im Bundestagswahlkreis Berlin-Neukölln an[4] und holte mit 30,0 % der Erststimmen ein Direktmandat für die Partei.
Neukölln-Komplex
BearbeitenKoçaks Bekanntheit als linker Aktivist in Neukölln führte wiederholt zu rechten Angriffen auf ihn. Sie standen im Zusammenhang mit einer Serie rechtsextremer Anschläge im Süden Berlins, die auch als Neukölln-Komplex bezeichnet werden. Im Jahr 2018 verübten mutmaßlich der Neonazi-Szene zugehörige Täter einen Brandanschlag auf das Haus seiner Familie in Süd-Neukölln.[5] Der Angriff gehört zu einer Serie rechter Anschläge auf Politiker, Gewerkschafter, Menschen mit Migrationsgeschichte und antifaschistische Aktivisten in Neukölln, die unter anderem auch den Buchhändler Heinz Ostermann, die Gewerkschafterin Mirjam Blumenthal (SPD) und die Historikerin Claudia von Gélieu trafen, und zu der auch der unaufgeklärte Mord an Burak Bektas gezählt wird. Gemeinsam mit anderen Betroffenen der Terrorserie kämpft Koçak für die Aufklärung der Anschläge. Dabei kam ans Licht, dass sowohl das Berliner Landeskriminalamt als auch der Verfassungsschutz darüber informiert waren, dass zwei bekannte Neuköllner Neonazis in den Wochen vor dem Brandanschlag Koçak beobachtet und verfolgt hatten.[6] Koçak behauptete daraufhin öffentlich Verstrickungen der Neuköllner Nazi-Szene mit Berliner Sicherheitsbehörden.
In einem Strafprozess, zu dem Koçak erst nach Einspruch als Nebenkläger zugelassen wurde, wurden die beiden angeklagten Neonazis Thilo P. und Sebastian T. im Dezember 2022 aufgrund mangelnder Beweise vom Vorwurf der Beihilfe zur Brandstiftung freigesprochen.[7] Die Staatsanwaltschaft legte dagegen Berufung ein.
Der Berufungsprozess vor dem Berliner Landgericht läuft seit September 2024. In dem Prozess geht es auch um potenzielle Verstrickungen zwischen den Sicherheitsbehörden, der Justiz und der rechtsextremen Szene. Der Staatsanwalt aus der ersten Verhandlung wurde abgezogen.
Im Dezember 2024 wurden die Angeklagten zu Haftstrafen verurteilt.[8]
Politische Schwerpunkte
BearbeitenKoçak engagiert sich politisch in den Bereichen Antirassismus, Antifaschismus und Klimagerechtigkeit.
Insbesondere setzt er sich für die lückenlose Aufklärung allfälliger rechter Verstrickungen in den Berliner Sicherheitsbehörden ein.[9] Im Rahmen einer im Berliner Abgeordnetenhaus gehaltenen Rede im Februar 2022 konstatierte er Polizeigewalt und staatliche Repression gegen linke Aktivisten.[10] Darüber hinaus setzt er sich für die Anliegen geflüchteter Menschen ein, kritisiert Asylrechtsverschärfungen und fordert ein bedingungsloses Bleiberecht für alle Geflüchteten.[11] Koçak sieht sich selbst als „Bewegungslinker“.[12]
Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 betonte Koçak: „Terror ist durch nichts zu rechtfertigen“. Gleichzeitig kritisierte er aber auch den daran anschließenden Krieg und sprach von „Israels brutale[m] Angriff mit zehntausenden Toten“, welcher „noch viel weniger“ zu rechtfertigen sei.[12] Eigenen Aussagen zufolge steht er „an der Seite des Völkerrechts und der Menschenrechte“.[13] Laut Tagesspiegel habe er „enge[n] Kontakt zu propalästinensischen Aktivisten“ und habe propalästinensische Demonstrationen angemeldet, auf denen es zu antisemitischen Vorfällen gekommen sei.[12] Die Haltung von Islamisten lehnt er jedoch ab und äußerte: „Natürlich sind wir gegen Antisemitismus“. Einen Brandanschlag auf eine proisraelische Bar in Neukölln verurteilte er.[13] Zur Beurteilung von Antisemitismus nutzt Koçak die Jerusalemer Erklärung zu Antisemitismus.[14] Der Tagesspiegel kritisierte 2024, dass Koçak als Beobachter von Palästina-Demonstrationen zum Krieg in Israel und Gaza eher angebliche Polizeigewalt als israelfeindliche Sprüche anprangere.[15] Im Februar 2025 lud Koçak den britischen Politiker Jeremy Corbyn, der für die Verharmlosung der Hamas in der Kritik steht, zu einer Wahlkampfveranstaltung.[16] Nach Kritik wurde die Veranstaltung abgesagt.[17]
Außerdem beschäftigt sich Koçak mit den Themen Klimapolitik und Klimagerechtigkeit. Er sprach auf zahlreichen Veranstaltungen der Klimabewegung, wie beispielsweise Kundgebungen von Fridays for Future oder Ende Gelände. Dabei fordert er eine Verbindung antirassistischer, antifaschistischer und ökologischer Kämpfe.
Mitgliedschaften
BearbeitenKoçak ist Mitglied von ver.di, VVN-BdA, Rote Hilfe und sitzt im Vorstand der Linken Medienakademie (LiMA)[18]. Er unterstützt Migrantifa, die Interventionistische Linke, Aufstehen gegen Rassismus, unterschiedliche klimapolitische Initiativen, Gruppen der türkischen und kurdischen Linken (so auch die HDP), The Left, das Aktionsnetzwerk Antirassismus, LinksKanax, die Bewegungslinke und Marx21. Koçak ist Mitbegründer der polizeikritischen Struktur Ihr seid keine Sicherheit und von Kein Generalverdacht.
Weblinks
BearbeitenEinzelnachweise
Bearbeiten- ↑ Kandidatur von Ferat Koçak für den Die Linke-Bezirksvorstand in Neukölln vom 16. November 2016, abgerufen am 2. Februar 2023.
- ↑ Ferat Koçak, MdA. 1. Dezember 2023, abgerufen am 7. Dezember 2023 (englisch).
- ↑ Das Präsidium. Abgerufen am 7. Dezember 2023.
- ↑ Berliner Linke wählt Landesliste und startet in den Wahlkampf. Abgerufen am 31. Dezember 2024.
- ↑ „Meine Eltern hätten sterben können“: Linke-Politiker Kocak berichtet im Neukölln-Ausschuss über Brandanschlag. In: Tagesspiegel. 16. September 2022 .
- ↑ Jo Goll rbb: Anschläge in Berlin: Worum geht es im Neuköllner Neonazi-Prozess? Abgerufen am 7. Dezember 2023.
- ↑ Erik Peter: Rechtsextreme Terrorserie in Neukölln: Freispruch für Neonazi. In: Die Tageszeitung: taz. 15. Dezember 2022, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 7. Dezember 2023]).
- ↑ drr 212/2025 S. 37
- ↑ deutschlandfunkkultur.de: Linken-Politiker Ferat Kocak – „Die Spur des NSU 2.0 führt bis nach Neukölln“. Abgerufen am 7. Dezember 2023.
- ↑ Keine Kriminalisierung von Klimaprotest. 10. Februar 2022, abgerufen am 7. Dezember 2023 (englisch).
- ↑ Für ein menschenwürdiges Bleiberecht! Solidarität mit den Protesten gegen die Asylrechtsverschärfungen. 25. Mai 2023, abgerufen am 15. Dezember 2023.
- ↑ a b c Wer ist Ferat Koçak?: Ein radikaler Aktivist vertritt Neuköllns Linke künftig im Bundestag. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 25. Februar 2025]).
- ↑ a b Cem-Odos Güler, Frederik Eikmanns: Die Linke und der Nahost-Konflikt: Nun sag, wie hältst du es mit Gaza? In: Die Tageszeitung: taz. 22. Januar 2025, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 25. Februar 2025]).
- ↑ Zerbricht die Linkspartei an Israel/Palästina? 17. Oktober 2024, abgerufen am 24. Februar 2025.
- ↑ „Es wird mehr als einen Mord an Israelis brauchen“: Im Epizentrum der Hamas-Versteher der Berliner Linken. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 24. Februar 2025]).
- ↑ Len Sander: Jeremy Corbyn kommt zur Linken nach Neukölln: Hamas und Hisbollah nannte er seine „Freunde“. 4. Februar 2025, abgerufen am 25. Februar 2025.
- ↑ Len Sander,Elmar Schütze: Nach scharfer Kritik: Linke Neukölln sagt Veranstaltung mit umstrittenem Politiker Jeremy Corbyn ab. 6. Februar 2025, abgerufen am 25. Februar 2025.
- ↑ LiMA: Die Vorstandsmitglieder
Personendaten | |
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NAME | Koçak, Ferat |
ALTERNATIVNAMEN | Kocak, Ferat; Koçak, Ferat Ali (vollständiger Name) |
KURZBESCHREIBUNG | deutscher Politiker (Die Linke), MdA |
GEBURTSDATUM | 26. Mai 1979 |
GEBURTSORT | Berlin |